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Sozialpädagogik: Totale Institutionen

Das Konzept der totalen Institutionen wurde von dem englischen Soziologen Erving Goffman im Zusammenhang mit seiner teilnehmenden Beobachtung des Alltagslebens im St. Elizabeth Hospital in Washington D.C. entwickelt. Die Ergebnisse seiner Studie hat er im Jahr 1961 in seinem Buch „Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates“ veröffentlicht. (Das Buch erschien in deutscher Übersetzung von Nils Thomas Lindquist unter dem Titel „Asyle: Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“ im Jahr 1973 bei Suhrkamp.)

goffman-asylumsGoffman kam aufgrund seiner Beobachtungen zu der Auffassung, dass psychiatrische Kliniken auf bestimmte Weise funktionierten und die Patienten auf eine bestimmte Weise behandelt würden, die derjenigen, die man in Gefängnissen, militärischen Einrichtungen, Waisenhäusern, Klöstern oder den Niederlassungen von Sekten sehr ähnlich sind. Einrichtungen, die auf diese Weise funktionieren und ihre Insassen auf diese Weise behandeln, nennt Goffman totale Institutionen, und zwar deshalb, weil sie für ihre Insassen nahezu deren gesamte Welt darstellen: Die Insassen sind während ihres Aufenthaltes in einer totalen Institution von der Außenwelt völlig oder sehr weitgehend abgeschnitten und halten sich in der Institution Tag und Nacht auf:

„The encompassing or total character is symbolized by the barrier of social intercourse with the outside to departure that is often built right into the physical plant, such as locked doors, high walls, barbed wire, cliffs, water, forests, or moors. These establishments I am calling total institutions, and it is their general characteristics I want to explore” (Goffman 1991[1961]: 15-16).

Die Insassen von totalen Institutionen schlafen dort, arbeiten (ggf.) dort, essen dort, ihre sozialen Kontakte sind auf solche mit anderen Insassen beschränkt oder mit Angehörigen des Wach- oder Betreuungspersonals:

„First, all aspects of life are conducted in the same place and under the same single authority. Second, each phase of the member’s daily activity is carried on in the immediate company of a large batch of others, all of whom are treated alike and required to do the same thing together. Third, all phases of the day’s activities are tightly scheduled, with one acticity leading at a prearranged time into the next, the whole sequence of activities are brought together into a single rational plan purportedly designed to fulfil the official aims of this institution … In total institutions there is a basic split between a large managed group, conveniently called inmates, and a small supervisory staff” (Goffman 1991[1961]: 17-18).

Unter diesen Bedingungen und weil die Kommunikation zwischen Insassen und Personal einseitig vom Personal kontrolliert werden können, sind die Insassen von Informationen abgeschnitten, so dass sie leicht manipulierbar sind. Hinzu kommt, dass das Leben in der totalen Institution für die Insassen bedeutet, dass sie auf sehr wenige sozialen Rollen beschränkt sind; die Rolle des Insassen der Institution wird zur dominanten Rolle der Menschen, die Insassen in der Institution sind; sie beginnen, sich selbst vor allem als solche wahrzunehmen und sich entsprechend zu verhalten – Goffman spricht in diesen Zusammenhang von der „moral career“ der Insassen (Goffman 1991[1961]: 117). Falls sie die totale Institution nach einem gewissen Zeitraum wieder verlassen, nehmen sie die Außenwelt nicht mehr auf dieselbe Weise wahr wie sie es vor ihrem Aufenthalt getan haben. (Diese Prozesse werden zusammenfassend beschrieben von Weinstein 1982.)

Gibt es heutzutage in westlichen Gesellschaften noch totale Institutionen? Kann man z.B. die Gefängnisse der 1960er-Jahre noch mit denen der Gegenwart vergleichen?
Bevor man diese Fragen und vor allem die erste Frage negativ beantwortet, gilt es in Rechnung zu stellen, dass Goffman selbst darauf hingewiesen hat, dass „… none of the elements I will describe seems peculiar to total institutions, and none seems to be shared by every one of them; what is distinctive about total institutions is that each exhibits to an intense degree many items in this family of atttributes“ (Goffman 1991[1961]: 17).

Es ist also eine empirische Frage, inwieweit z.B. Asylbewerberwohnheime oder Ganztagsschulen als totale Institutionen im Sinne Goffmans gelten müssen oder können oder sich zu totalen Institutionen entwickeln.

Literatur:

Goffman, Erving, 1991[1961]: Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates.

Weinstein, Raymond M., 1982: Goffman’s Asylums and the Social Situation of Mental Patients. Journal of Orthomolecular Psychiatry 11(4): 267-274.